„Sogenannte gesellschaftliche Makel zeige ich gerne!“

An ihr kommt man schwer vorbei. Keine Innenstadt ohne ihr Gesicht auf einem Werbeplakat. Über Makel am Morgen, Fleiß, Disziplin und ihr eigenes Gepäckfitnessprogramm. Widget im Interview.

Lesezeit: ca. 9 Minuten

PMIG: Widget, als wir uns entschlossen haben ein Interview mit einem Model zu machen, ist relativ schnell Dein Name gefallen. Direktbuchungen durch bekannte Firmen, Stockfotos, interessante freie Projekte und ein Studium, das nicht ohne ist. Erzähle uns bitte einmal wie es dazu kam.

Widget: Au weia, das ist so so lange her. Ich muss erstmal mein Köpfchen sortieren. Es war auf jeden Fall keines Weges geplant, geschweige denn meine Absicht, dass dieser Beruf mich einmal ereilen könnte.
Aber zur Erklärung: Es war reiner Zufall! Damals gab es das Ascherslebener Gesicht 2005 und ich wurde so lange von einigen Leuten dazu überredet mitzumachen, bis ich nicht mehr anders konnte als zuzusagen. Dort belegte ich den zweiten Platz und wurde angesprochen, warum ich nicht öfter vor der Kamera stehen würde. Ich bekam Tipps, wo man sich denn zu der Zeit anmelden konnte, um sich erstmal nach und nach ein Portfolio aufzubauen. Nach einiger Überlegung folgte dann das erste Shooting. Ich wollte mit 19 meinem damaligen Partner eine kleine Freude zu Weihnachten machen und nutze die Chance auf freier Basis ein Shooting zu vereinbaren. Bei den ersten Shootings war mein Vater ab und an dabei. Ich begann allerdings ein halbes Jahr nach meinem Abitur im Sommer 2005 erstmal eine Ausbildung. Diese hatte natürlich Vorrang, jedoch legte ich mir einige Shooting-Termine in die Urlaubsferien. Mein Glück war, dass ich von  Anfang an gute und liebe Fotografen/-innen hatte, die mich abgelichtet haben und fast immer Make-up Artistin gestellt wurde und ich in meiner Reise immer Unterstützung erhalten habe. Durch Zufall hatte ich schon nach ca. einem halben Jahr den ersten Job. Ich war erstaunt und glücklich, dass es so gut begann. Und so kam es nach und nach, dass ich mein Portfolio recht schnell auf einem guten Niveau aufbauen konnte, so dass die ersten Workshop – Anfragen in den Folgejahren eintrafen.
Nachdem ungefähr zwei Jahre vergangen waren, folgten in größeren Abständen mal kleine und etwas größere Jobs per Direktbuchung, bis dann nach ca. 4 Jahren die ersten Agenturen auf mich aufmerksam wurden und mich direkt anschrieben. Bis dato hatte ich mir ehrlich gesagt nie Gedanken gemacht einer Agentur beizutreten. Denn ich wusste, dass ich eventuell etwas zu klein bin und nicht zu 100% den damaligen Anforderungen entsprach. Zumindest dachte ich so, und wurde halb eines Besseren belehrt und halb stark auf dem Boden der Tatsachen gehalten. Denn ich fing an mich zu erkundigen und überlegte mir, da ich aufgrund der Workshops und vereinzelter Werbejobs eh ein Nebengewerbe angemeldet hatte, mich auch mal selber bei Agenturen zu bewerben, die mir empfohlen wurden. Ich bekam sowohl Absagen als auch Zusagen. Logisch! Denn meine Größe und mein Typ sind nicht ganz so einfach zu vermitteln. Allerdings musste ich schnell feststellen, dass ich zu einer Karteileiche wurde und eher weniger bis keine Jobs über die ersten Agenturen erhielt.
Somit bin ich recht schnell wieder aus den Agenturen ausgetreten. Es folgten nach und nach wirklich die Agenturen, welche sich gut um mich gekümmert haben und auch weiterhin kümmern.
Wenn ich darauf zurückblicke, war dieser zufällige Weg doch ein sehr harter und steiniger. Kurz nach dem ich meinen Beruf aufgegeben hatte und mich meiner Studienchance widmete, kam die Anfrage zu Stockbildern und ich wurde noch im selben Jahr ( 2012 ), durch die Empfehlung eines Fotografen, von einer Agentur aufgenommen, die für meinen Typ wirklich herausragend ist. Und ich muss sagen, ab da ging es erst so richtig, richtig voran und es kamen weitere kleine und große Erfolge. 
Zusammengefasst kann man also sagen, dass alles erst nach ca. 6 Jahren richtig ins Rollen kam, und ich auch die Aufmerksamkeit von Fotografen und Agenturen bekam, die mein Potential erkannten. Insgesamt bin ich jetzt schon ca. 14 Jahre dabei.

PMIG: Du bist ein besonderer Typ Model mit Ecken und Kanten. Du scheust Dich nicht Dich ungeschminkt zu zeigen. Wie wichtig ist für ein Model Authentizität?

Widget: Das ich ein besondere Typ zu sein scheine habe ich in der Tat schon öfter gehört. Jedoch haben sich die sogenannten Ecken und Kanten erst mit Mitte 20 entwickelt. Sowohl optisch, als auch psychisch. Optisch entwickelten sich meine Gesichtszüge kantiger und ich hab so langsam meinen Babyspeck im Gesicht verloren. Das wirkte sich merklich positiv auf meine Buchungen und meine kleine Karriere als Model aus. Es gab auch einige kleine, aber auch sehr, sehr große Einschnitte in meinem Leben, sowohl positive, als auch negative. Diese prägten mich sehr und ließen auch in meinem Inneren einige Ecken und Kanten zurück.
Egal was alles passiert ist, ich bin meinem Standpunkt treu geblieben. Nämlich, in allem etwas positives zu sehen. Jedoch bin ich in meinem Handeln und Denken nach und nach reifer geworden. Ja, ich scheue mich nicht mich ungeschminkt und echt zu zeigen, denn das bin ich nun einmal und so fühle ich mich am wohlsten. Meiner Meinung nach ist Schminken und sich etwas zurecht machen auch etwas wundervolles, denn so können die eigenen optischen Vorzüge noch mehr hervorgehoben werden. Jedoch bin ich trotz allem der Meinung, dass alle Menschen ungeschminkt am schönsten sind. Keine Maske, einfach man selbst sein. Warum sollte ich etwas verstecken? Nur weil meine Hormone mal verrücktspielen und ich Pickel habe? Nein, denn auch dies gehört zu mir und diese so genannten gesellschaftlichen Makel zeige ich gerne, denn sie hat jeder von uns. Ohne diese, wäre es ja auch langweilig, oder? Und so schließt sich auch der Kreis mit Deiner Frage, ob es wichtig ist, das ein Model authentisch sein sollte. In meinen Augen ist dies sehr wichtig. Natürlich schlüpft ein Model in alle möglichen Rollen wie ein Schauspieler, und muss in dieser funktionieren und zeigt nicht immer dabei das wahre ich. Jedoch muss auch diese authentisch sein, und dies geht nur, wenn man sich in alle möglichen Rollen hineinversetzen kann. Neben dem Spielen einer Rolle, sollte ein Model aber auch ganz genau zeigen wer er oder sie wirklich ist, und davon selbst überzeugt sein. Nur so ist man authentisch und ehrlich zu sich selbst. Dazu gehört für mich auch, dass ich mich in der Öffentlichkeit so zeige wie ich bin, mit Brille, ungeschminkt und Plüschhaaren!

PMIG: Was macht ein gutes Model aus? Ist das Modeln ein Geschenk der Natur, oder harte Arbeit?

Widget: Ob das Modeln ein Geschenk der Natur ist oder eher harte Arbeit, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Es gibt in meinen Augen Menschen, die haben diese Gabe wirklich in die Wiege gelegt bekommen und besitzen auf Bildern, Filmen und so weiter eine Präsens, die sagenhaft ist. Für diese Menschen ist es, denke ich, wirklich ein Geschenk der Natur, denn diesen Menschen fällt es enorm leicht vor der Kamera agieren zu können, ohne sich extrem anstrengen zu müssen. Aber, das heißt nicht, dass diesen Models alles zugeflogen kommt.
Ganz im Gegenteil! Auch für sie ist es harte Arbeit immer am Ball zu bleiben. An schlechten Tagen können sie auch nicht immer 100% geben, dies fällt vielen vielleicht nicht auf, da deren Leistung immer noch hervorragend ist, aber trotzdem weiß man, dass es hätte besser laufen können.
Dann gibt es die Menschen, denen es nicht so leicht fällt gewisse Aufgaben, die der Kunde oder der Fotograf oder allgemein sein Gegenüber verlangt, umzusetzen. Diese müssen üben und dafür kämpfen es so echt, authentisch und ehrlich wie möglich rüberzubringen, ohne das es nach Arbeit aussieht. Auch das ist möglich und mit harter Arbeit können auch diese Models sehr, sehr viel erreichen. So kann aus harter Arbeit dann auch irgendwann ein Naturtalent werden  😀 .

PMIG: Was investierst Du in das Modeln? Ein spezielles Fitnessprogramm oder besonders viel Social Media-Marketing?

Widget: In erster Linie investiere ich meine Zeit! Sprich, es muss immer und immer wieder neues Bildmaterial für meine Agenturen geliefert werden. Dies ist mit einem gewissen Zeitpensum verbunden. Sei es zu Castings zu fahren, E-Castings selber zu drehen, Pola-Bilder zu liefern oder in freie Projekte zu investieren, Videos oder neue Bilder, die für die Agenturen auch nutzbar sein müssen. Zudem ist es auch wichtig für Social Media, sei es Instagram, Facebook oder meine eigene Homepage abwechslungsreiches und gutes Material zu entwickeln, welches zeigt wie wandlungsfähig ich bin und was in mir steckt. Ein spezielles Fitnessprogramm habe ich nicht. Ich bin da eher faul. Mein Sport ist, dass ich viel Reise und dabei mein Gepäck selber trage, dass ich eher zu Orten laufe und weniger die Öffentlichen Verkehrsmittel nutze oder mein Fahrrad mich irgendwo hin fährt. Zudem versuche ich über eine gesunde Ernährung viel zu kompensieren.

PMIG: Wie ist Dein Verhältnis zu Social Media? Fluch oder Segen?

Widget: Social Media ist Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite bin ich sehr dankbar, dass es dieses Medium gibt und einem sehr viele Türen öffnet, wenn man darin Zeit investiert. Es hilft Kunden zu generieren, gesehen zu werden, es hilft auf einfache Art und Weise gute Werbung für sich selber realisieren zu können. Es wird immer wichtiger für Kunden, die mich über meine Agenturen buchen oder sogar direkt buchen. So können sie sich ein gutes Bild von mir machen.
Gleichzeitig ist es aber auch ein Fluch, da es zeitfressend ist. Ich muss in einem regelmäßigen Rhythmus abliefern, sonst geht man unter. Da ein gutes Maß zu finden, nicht ständig online zu sein, aber dennoch gesehen zu werden ist nicht immer leicht. Denn wie wir ja auch alle wissen, stellt z.B. Instagram regelmäßig seinen Algorythmus um. Dennoch können wir dankbar dafür sein, dass es überhaupt so etwas gibt.

PMIG: Wie viele andere auch machst Du freie Arbeiten. Du setzt auch gerne eigene Ideen und Projekte um. Deine Arbeiten mit verschiedenen Künstlern wie z.B. Stefan Beutler oder Hüseyin Yilmaz stechen heraus und zeigen Dein ganzes Potential. Was ist Dir dabei wichtig, und wie viel von der privaten Widget stecken in diesen Projekten?

Widget: Wenn es meine Zeit erlaubt liebe ich es freie Projekte zu planen und darin aufgehen zu können. Es ist faszinierend welche Seiten ich an mir selber immer wieder neu entdecken kann oder wieder aus dem Verborgenen neu zum Leben erwecke. Wichtig ist mir an freien Projekten, dass alle was davon haben und alle dafür brennen. Das wir im Team zusammen eine Einheit bilden und uns frei entfalten können. Sei es der Fotograf, der Designer, Makup-Artist oder ich als Model. Jeder auf seine Art und in seinem Bereich soll erfüllt werden. Für mich selbst ist es noch wichtig, dass ich mir dabei immer selber treu bleibe, denn schließlich ist es ein freies Projekt. Natürlich ist es zu einem gewissen Teil immer ein Schauspiel, jedoch ein echtes Schauspiel. Das, was ich dann darstelle und von mir zeige, bin alles ich und diese Seiten stecken mehr oder weniger in mir. Auch entdecke ich mich dabei immer wieder auf´s Neue, zu was ich fähig bin, was ich selber bin und was ich auch mal sein kann. Es steckt dabei zwar nicht immer die private Widget in einer Rolle, aber eine Widget die ich auch bin. Egal wie fremd oder skuril manches erscheint. Aber haben wir nicht alle viele Seiten in uns? Viele zeigen sie nicht oder haben sie noch nicht entdeckt?

PMIG: Was mir immer wieder auffällt ist Deine enorm schnelle Wandlungsfähigkeit. Wie viel Schauspielerin steckt in Dir, oder mit welchen Tricks versetzt Du Dich schnell in unterschiedliche Stimmungen?

Widget: Sagen zu können wieviel Schauspielerin in mir steckt ist gar nicht so einfach.
Vom Prinzip her ist man als Model auch in einer gewissen Art immer ein Schauspieler, denn wir müssen uns in jegliche Rollen versetzen können, für die uns ein Kunde gebucht hat. Manchmal wissen wir schon lange im Voraus, was wir spielen müssen und manchmal erfahren wir es erst kurz vorher. Dabei müssen wir in allen Lebenslagen funktionieren, wie auch im alltäglichen Job oder Leben eben. Trotzdem, ich denke ich spreche hier für die meisten, verkörpern wir in den Rollen immer ein Stück von uns selber, denn die meisten Kunden buchen uns ja genau aufgrund unserer Persönlichkeit. Also ist es, denke ich, mal eher ein Mix aus einem selbst plus Schauspiel. Um sich in bestimmte Stimmungen und Situationen besser hineinfinden zu können, höre ich persönlich sehr gerne Musik. Meistens gelingt es auch ohne Musik, aber sie hilft ungemein dabei. Sie transportiert etwas und lässt mich in allem abschalten, dass ich komplett in das hineinfallen kann, was in diesem Moment von mir verlangt wird oder ich selber aus mir herauskitzeln möchte. 

PMIG: Wenn Du Dir eine Kampagne aussuchen dürftest, welche Marke würdest Du gerne bewerben?

Widget: Kurz und knapp: DOVE!

PMIG: Welche Tipps kannst Du Nachwuchsmodellen geben um kommerziell Fuß zu fassen?

Widget: Ach ja, diese Frage ist wirklich in meinen Augen eine sehr, sehr wichtige Frage und ich versuche einige Tipps zu geben.
Zum einen möchte ich allen Nachwuchsmodellen ans Herz legen, am Anfang genau hinzusehen mit wem sie die ersten Shootings organisieren. Ein gutes Portfolio ist das A und O. Denn Qualität geht über Quantität! Auch wichtig ist es sich selbst gut reflektieren zu können, Kritik anzunehmen und immer weiter zu lernen. Egal ob erfahrenes Model oder Newcomer, wir lernen nie aus und können uns immer weiterentwickeln.
Gebt niemals auf, wenn es euer Traum ist! Lasst es aber nicht komplett euer Leben bestimmen. Erkennt aber auch gleichzeitig, wenn es vielleicht doch nicht euer Weg ist und probiert auch andere Dinge aus. Sucht euch die Agenturen raus, die eurem Typ entsprechen und deren Anforderungen ihr erfüllen könnt. Entweder ihr habt das Glück und eine Agentur kommt selbst auf euch zu oder ihr bewerbt euch selbst bei einigen. Dabei aber bitte niemals enttäuscht sein, wenn sie nicht antworten oder eine Absage erteilen. Das liegt nicht immer daran, das ihr nicht gut seid, sondern, weil ihr als Typ nicht passt oder die Agentur schon genug von deinem Typ in die Kartei aufgenommen hat. Lasst bitte die Finger von Agenturen, bei denen ihr angeblich eine Aufnahmegebühr zahlen müsst. Überlegt ganz genau, ob ihr wirklich exklusiv bei einer Agentur sein wollt. Es ist normal, dass die Spitzenagenturen Exklusivverträge abschließen, jedoch muss in meinen Augen dann auch eine Garantie zur Jobvermittlung erfolgen. Wie soll man denn sonst leben können und alles finanzieren, wenn am Ende doch kein einziger Job klappt?
Deshalb lege ich euch ans Herz, vereinzelte kleine Agenturen zu suchen, in denen ihr keine Karteileichen werdet, die keine Exklusivität verlangen, außer dass man in ein und derselben Stadt keine weitere Agentur haben darf, und die faire und korrekte Verträge abschließen.
Habt ihr natürlich das Glück einen Ritterschlag mit einen „der“ Agenturen zu bekommen, dann nutzt trotzdem die Chance, aber wägt vorher das FÜR und WIDER ab.
Ansonsten bleibt noch zu sagen: seid authentisch, immer ehrlich zu euch selbst, habt Spaß in dem was ihr macht und bleibt immer am Ball. Es war mir eine Freude und ich wünsche euch einen wundervollen Tag!