„Wer reist versteht die Welt ein bisschen besser!“

Leipzigs Tausendsassa Martin Neuhof  im Interview. Über die Schnelllebigkeit in Social Media Zeiten, Reisen als Horizonterweiterung und sein aktuelles Projekt „Herzkampf“.

Lesezeit: ca. 5 Minuten

PMIG: Martin, Du erzähltest mir, dass Du Deine erste Kamera vor ca. 20 Jahren geschenkt bekommen und vor ca. 12 Jahren sogar eine Kamera als Gegenleistung für die Gestaltung einer Webseite erhalten hast.
Seitdem ist eine Menge passiert. Du scheinst einen 36 Stundentag zu haben. Auftragsarbeiten, soziale und politische Fotoreportagen sowie einen unerschöpflichen Quell kreativer freier Arbeiten. Erzähle uns etwas über Deinen Alltag und Dein fotografisches Leben.

Martin Neuhof: Ich probiere die Balance zu halten. Das gelingt mir mal mehr, mal weniger gut. Aber genau die Mischung macht es bei mir aus, sonst würde mir zu schnell langweilig werden. 

PMIG: Fotografen gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Dagegen sind kreative Fotografen eher in der Minderheit und finden meist nicht so viel Aufmerksamkeit. Wie definierst Du Kreativität? 

Martin Neuhof: Ein gutes Foto muss mich länger als eine Sekunde verweilen lassen, wenn es mir über den Weg läuft. Kreativität kann sich in ganz verschiedenen Formen ausdrücken. Entweder durch Formen, Farben oder die Bildidee. Dabei spielt es auch keine Rolle ob ein Motiv schon hundert mal fotografiert wurde. Es geht immer darum, ob man die Handschrift des Fotografens erkennt. Sobald ich denke: „Wow, das Bild hätte ich selbst gerne gemacht!“ oder „Okay, wie verdammt ist dieses Bild entstanden?“ – hat das Foto etwas. 

PMIG: Wieso sind Dir als Berufsfotograf freie Arbeiten so wichtig? Immerhin verdienst Du kein Geld mit Ihnen und musst trotzdem viel Zeit hineinstecken.

Martin Neuhof: Ist es mein Job oder meine Leidenschaft? Für mich ist die Fotografie meine größte Leidenschaft. Hier kann ich mich ausdrücken, mit meiner Kamera kann ich mich selbst verwirklichen. Ob nun durch freie Projekte oder eine einfache Portrait-Serie. Es steckt immer ein bisschen Martin in den Fotos. Ich hab die Chance bekommen, mit dem was ich mag, Geld zu verdienen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ohne die freien Arbeiten würde mir ein Ventil fehlen durch das ich meine Ideen herauslassen kann.  

PMIG: Lehrer haben Sabbaticals, Schüler machen immer öfter ein freies Jahr nach dem Abschluss und Papas gehen in Elternzeit. Welche Schaffenspausen macht Martin Neuhof damit die Wolke wieder Farbe bekommt?

Martin Neuhof: Der Sonntag ist mein freier Tag. Da gibt es zu 99% kein Shooting, keinen Job und keine Kamera. Dafür viel gutes Essen, mit Freunden treffen, Netflix und Couch. Ansonsten sind die Monate Januar und Februar immer ganz gut um Urlaub zu machen, gerne weit weg, um andere Kulturen und Länder kennen zu lernen. Wer reist versteht am Ende auch die Welt ein bisschen besser.  

PMIG: Vor 12 Jahren riefst Du Farbwolke ins Leben. Ein Blog der andere Webseiten und Künstler vorstellte. Daraus wurde eine langjährige Erfolgsgeschichte von der noch die Instagram-Featureseite übrig geblieben ist. Wie kam es zu Farbwolke, und wie hat sich das Bloggen in den letzten Jahren verändert?

Martin Neuhof: Ja, 2007 hab ich Farbwolke gegründet und viele Jahre betrieben. Nun hat sich seitdem das gesamte Internet sehr stark verändert. Damals war Facebook noch nicht so stark in Deutschland bekannt und es gab noch kein Instagram. Smartphones waren auch noch nicht auf dem Markt. Ich blogge nur noch ein paar Mal im Jahr. Die ganze Aufmerksamkeit hat sich in das Socialweb verlagert. Es ist dort einfacher Dinge zu konsumieren, als eine Webseite anzusurfen, um dort Inhalte zu lesen. Die Leute sind faul und wollen alles sofort auf dem Präsentierteller, da sind oft schon 2-3 Klicks zu viel. 

PMIG: Viele Leser kennen Dich in erster Linie als Fotograf. Das würde Dir aber nicht gerecht werden, denn Du engagierst Dich sehr stark in Deiner Heimatstadt Leipzig für Weltoffenheit und Toleranz. Nachdem Du das vielbeachtete Projekt „No Legida“, indem es um eine Gegenbewegung zu „Legida“ ging, abgeschlossen hast, startete im letzten Jahr „Herzkampf“. Was ist „Herzkampf“ und wieso ist es gerade in der heutigen Zeit so wichtig eine klare Meinung zu vertreten?

Martin Neuhof: Bei Herzkampf fotografiere ich Menschen aus Deutschland (oft aus Sachsen, Leipzig und Umland), die sich für eine gerechte und weltoffene Welt einsetzen. Ich empfinde es gerade in Sachsen als wichtig, klar zu zeigen wo man politisch steht, dass man eine AfD nicht akzeptiert und jeglichen Fremdenhass ablehnt. Hier passiert täglich sehr viel Müll, aber es gibt eben auch genügend aktive Menschen, die viel zu oft im Hintergrund agieren. Meine Aufgabe ist es, genau dort anzusetzen und die Menschen hervorzuholen und zu zeigen: „Hey, auch du kannst aktiv sein und dich einsetzen!“ Das fängt schon am Küchentisch an und kann natürlich ins Unendliche getrieben werden.

PMIG: Deutschland ist Reiseweltmeister. Wir lernen also gerne das Ferne und Fremde kennen. Fremde im eigenen Land werden mittlerweile jedoch kritischer gesehen. Worum geht es dabei? Um Fremdenfeindlichkeit generell oder soziale Gerechtigkeit? Und kann man dabei überhaupt unterscheiden?

Martin Neuhof: Was eint uns als Menschheit? Was verbindet uns? Ich denke eher so. Wir teilen uns diesen Planeten, unser Blut ist rot, egal welche Sexualität wir leben, aus welchen Land wir kommen und an was wir glauben. Wir selbst begrenzen uns ständig selbst indem wir eher das Problem hervorheben, als die Gemeinsamkeiten. Wir würden alle ruhiger miteinander leben, in dem wir mehr Toleranz üben und mehr hinter die Fassade schauen. Warum gibt es Flucht? Was treibt die Menschen aus ihrer Heimat zu uns nach Europa? Ich selbst war mehrmals in Uganda, hab dort für ein paar Wochen in einem Waisenhaus gelebt und gemerkt, wie privilegiert wir hier in Deutschland leben. Dabei fängt Veränderung im Kleinen an. Akzeptierst du einen rassistischen Spruch am Küchentisch? Oder sagst du etwas? Mache deinen Standpunkt klar!  

PMIG: Du bist viel auf der Straße unterwegs. Ob mit Deinem damaligen Projekt „101 Helden“ oder mit „No Legida“. Immer mit dabei, eine Kopfbedeckung. Martin Neuhof ohne Mütze ist wie…

Martin Neuhof: Pommes ohne Ketchup? Nein im Ernst, ich glaube ich habe erstmals mit 17 eine Mütze aufgesetzt und seitdem ist sie mein ständiger Begleiter, obwohl man mich auch manchmal ohne zu Gesicht bekommt. Gerade bei Kundenshootings oder einer Eventreportage verzichte ich dann doch ganz gerne einmal auf die Mütze. 

PMIG: Martin, wenn Du drei Wünsche frei hättest. Welche wären das?

Martin Neuhof:
Politisch: Dass die AfD niemals an die Macht kommt!
Fotografisch: Das ich bis zum Ende meiner Tage von der Fotografie leben kann und noch viele Projekte umsetzen darf. 
Allgemein: Das wir alle viel mehr aufeinander aufpassen. Das Neid und Missgunst nicht die Überhand gewinnt und wir lernen, dass etwas „Fremdes“ nichts Böses ist, sondern eher etwas sein kann, was unser Leben bereichern kann. 

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